Wie viel Lesen schadet der Lesefreude?

Zum 1. April lauern die größten Scherze ja überall verborgen. Heute folgt ein etwas anderer Beitrag von mir, der jedoch KEIN Aprilscherz sein soll, sondern mich schon seit längerem beschäftigt.

Ich lese viel. Diese Meinung vertrete ich gern. Und dies meinen auch Freunde und Kollegen, weil ich eigentlich immer und überall ein Buch bei mir trage.

Doch dann gibt es etwas, was mich an meiner Meinung zweifeln lässt.

Dann kommen nämlich am Ende jeden Monats immer diese Blogstatistiken auf anderen Blogs oder Monatsrückblicke genannt.

Zum Verständnis möchte ich kurz zusammenfassen, welche Fakten in diesen Beiträgen meist erwähnt werden:

  • Welche Bücher habe ich im letzten Monat gelesen?
  • Welche Bewertung habe ich wie oft in diesem Monat vergeben?
  • Wie viele Seiten habe ich insgesamt gelesen?
  • Wie viele Bücher habe ich mir gekauft?
  • War es ein guter oder ein schlechter Lesemonat?

Soweit sollten die Fakten jetzt bekannt sein und daher möchte ich ein paar Dinge loswerden, die mich auf Grund dieser Beiträge beschäftigen. In einem Monatsrückblick werden nämlich durchschnittlich 8-10 Bücher aufgezählt und noch einmal kurz vorgestellt und da man mit einer Bücherzahl oft nicht weit kommt, noch einmal eine Seitenzahl der gesamt in diesem Monat gelesenen Seiten. (Denn es macht schließlich einen Unterschied, ob ich 10 Bücher á 250 Seiten oder 800 Seiten lese.)

Ehrlich gesagt, finde ich es nicht schlimm, wenn man am Ende eines Monats oder vielleicht jeden zweiten Monat eine Zusammenfassung für die Mitleser und für sich selbst verfasst. Manchmal vergisst man ja auch total, welches Buch man vor ein paar Wochen gelesen hat und freut sich dann, es in solch einer Zusammenfassung wieder anzutreffen.

***

Mich wundert eben nur, dass bei manchen Bloggern ein Monat mit 8-10 Büchern und 3600 gelesenen Seiten eine Rechtfertigung folgt, dass sie einen schlechten Lesemonat hatten.

WARUM?

Kommt es denn wirklich auf die Menge an?

Wenn ich ein Buch lese, dann gebe ich ihm Zeit. Ich möchte da nicht durchrennen und am Ende des Gefühl haben, etwas verpasst zu haben oder einen Marathon hinter mir zu haben. Natürlich gibt es Bücher, die fesseln einen so sehr, dass man es nicht zur Seite legen kann und dann liest man es eben innerhalb von 2-3 Tagen. Doch jedes Buch verdient seinen eigenen Raum und eigene Zeit, die man ihm geben sollte. Ich gehöre zu den Lesern, die beispielsweise nicht ein Buch fertig lesen können und sofort zum nächsten greifen. (einzige Ausnahme sind Fortsetzungen und der vorherige Band endete in einem fiesen Cliffhänger) Sehr gern lasse ich ein Buch nachwirken, denn ich glaube, dass wünscht sich auch ein Autor, oder? Ein Autor wünscht sich doch mit seinem Buch einen Menschen zu berühren. Egal in welcher Art und Weise.

***

Im Folgenden möchte ich euch noch einmal mit ein paar Zahlen bewerfen und habe daher auf einigen Blogs die Zahlen herausgesucht und einen Durchschnittswert ermittelt.

  • durchschnittlich gelesene Bücher: 10
  • durchschnittlich gelesene Seiten: 3600

Dies bedeutet:

  • 3 Tage pro Buch
  • rund 120 Seiten pro Tag – dies entspricht etwa 2-2,5 Stunden pro Tag oder mindestens 60 Stunden im Monat, was wiederum mehr als 2 Tagen entspricht

 Und dies ist ein schlechter Lesemonat?

Was mich vor allem wundert ist die investierte Zeit. Wie ist das möglich? Natürlich hat man nicht jeden Tag die gleiche Zeit zur Verfügung, dafür nutzt man dann möglicherweise seine freien Tage und doch geht bei mir die Rechnung nicht auf. Schließlich geht ein Durchschnittsmensch ca. 8 Stunden am Tag, 5 Tage die Woche arbeiten, hinzu kommen die Arbeitswege, Zeit für Einkäufe, Kochen, Haushalt, der (wenn vorhanden) Partner, Kinder etc. und schlafen sollte man irgendwann auch.

Ok, vielleicht male ich jetzt auch alles Schwarz und es treffen ja nicht alle Punkte auf jeden zu.

Mein Fazit:

Ich habe das Gefühl, dass diese ganzen Monatsrückblicke nur geschrieben werden, um anderen Lesern etwas beweisen zu können. Das man mehr gelesen hat als jemand anderes. Ich gebe zu, ich habe hier auch meine eigene private Statistik, was ich alles schon gelesen habe, was ich noch lesen möchte und setze mir auch persönliche Ziele.

Und in mir steigt damit das Gefühl, dass bei solch einer Menge an Büchern im Monat der Zauber des Lesens verloren geht, dass man gar keine richtige Zeit hat in eine Welt einzutauchen, und dass das einzige Ziel hinter dieses Rückblicken das eigene profilieren stehen soll.

Wo bleibt denn da die Freude am Lesen? Eure Meinungen sind gefragt. Ich möchte nur keinen Shitstorm lostreten, sondern bitte eine, wenn sie zustande kommen sollte, ordnungsgemäße Diskussion.

Eure Jule

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5 Gedanken zu “Wie viel Lesen schadet der Lesefreude?

  1. Hallo Jule,
    ein interessanter Beitrag! Ich veröffentliche und lese auch keine Lesestatistiken, einfach weil mir der Sinn davon abgeht. Ich lese soviel ich lese und jemand anderes liest eben eine andere Menge an Büchern 🙂 Ich sehe es ähnlich wie Du: jedes Buch braucht seine Zeit. Trotzdem ist das auch bei jedem anders, Du sagst, dich wundert die investierte Zeit. Ich halte dagegen, dass ich jeden Tag einen Arbeitsweg von ca. zwei Stunden (hin- und zurück) habe und hier eben lese. Und voilá, schon ist die durchschnittlich investierte Zeit zumindest bei mir drin. 🙂 Die einzige Situation bei mir, in der die Leselust zu Lesefrust wird, ist folgende: Ich nehme an verschiedenen Leserunden oder eben auch Blogtouren teil, habe aber privat ein Buch gefunden, dass ich aktuell viel lieber lesen möchte. Aber seit dem ich das richtige Mittelmass gefunden habe, habe ich damit kaum noch Probleme.

    Liebe Grüße
    Jasmin

    Gefällt 1 Person

  2. Huhu 🙂
    Interessante Gedanken, die ich mir auch schon einmal gemacht habe. Ich selber veröffentliche auch eine Monatsstatistik, aber nicht um damit zu prahlen oder Ähnliches, denn das könnte ich mit meinen 5-6 Büchern pro Monat wohl eher nicht. 😉
    Ich frage mich auch ab und an wo einige Blogger die Zeit für so viele gelesene Bücher hernehmen. Sicherlich liest jeder unterschiedlich schnell, aber auch bei mir müssen Bücher leben und ich rattere nicht eins nach dem anderen runter, nur um eine schöne Statistik am Ende des Monats stehen zu haben.
    Im Februar habe ich es ausnahmsweise mal auf 11 Bücher geschafft. Das lag aber auch nur daran, dass ich fast den gesamten Februar krankgeschrieben war und unheimlich viel Zeit zum Lesen hatte.

    Ich war kurze Zeit Leserin eines Blogs, wo die Bloggerin behauptete, die hätte 30 Bücher im Monat gelesen. Das wäre etwa ein buch pro Tag und gleichzeitig hat sie auch noch studiert. Das konnt ich beim besten Willen nicht glauben und wenn sie die 30 Bücher doch „gelesen“ hat, wird vermutlich nicht viel hängen geblieben sein.
    Lesen ist kein Wettbewerb und keine Marathonsportart. Jedes Buch verdient ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit, die ich bei einigen Lesern tatsächlich anzweifeln muss, sollten sie berufstätig sein und einen eigenen Haushalt führen.

    Liebe Grüße
    Miriam

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Miriam 🙂
      Das ist eben auch mein Gedanke. Wenn man einen eigenen Haushalt führt, vielleicht arbeitet oder studiert, dann ist über den Tag oder die Woche verteilt gar nicht so viel Zeit zum Lesen. Man möchte ja auch einmal Zeit mit Freunden oder (wenn vorhanden) dem Partner verbringen.
      Ich komme auch gerade gut zum Lesen, da ich krank geschrieben bin. Aber irgendwann will man auch nicht mehr aufs Buch starren. Mir geht es zumindest so, dass ich dann doch mal etwas anderes brauche: Fernsehen, Internet oder gute Musik.
      Liebe Grüße
      Jule

      Gefällt 1 Person

  3. Liebe Jule,

    Kurzform: JA! JA! JA!

    Langform: Exakt so denke ich auch. Ich habe ebenfalls meine eigene kleine Statistik hier liegen – in die ich noch allerlei mehr eintrage (z.B. den Handlungsort). Ich bin momentan leider arbeitslos. Entgegen der allgemeinen Meinung, ich hätte damit viel Freizeit, kann ich deshalb aber nicht unbedingt mit mehr Lesezeit aufwarten. Ich bilde mich privat und bald auch durch eine „Maßnahme“ weiter, schreibe Bewerbungen, recherchiere Unternehmen und führe nicht zuletzt auch ein Buchblog.

    Das ist dann auch eine Frage, die sich mir stellt: Wie schaffen es diese Blogger bei einem derartigen Pensum ihr Blog zu pflegen? Eine Rezension dauert für mich ca. 1-2h, je nach Buch und Muße. Wenn die Blogger nun nur zu jedem zweiten Buch eine Rezension mit diesem Aufwand schreiben würden – wobei ich mich beim besten Willen nicht als „Durchschnitt“ ansehen will – wenn man aber mit dieser Zeit rechnet, dann ergibt das bei 10 Büchern noch einmal ca. 5 Stunden Rezensionszeit. Zeit für die Beantwortung von Kommentaren nicht mit eingerechnet.

    Was mich ebenfalls ein wenig befremdet ist diese Bewertung „guter“ oder „schlechter“ Lesemonat. Wieso quantifiziert man Lesezeit? Auf Englisch kann man Freizeit – was Lesezeit beinhaltet – mit „quality time“ übersetzen. Also Zeit, die qualitativ genutzt wird. Ein „guter“ Lesemonat ist für mich ein Monat, in dem ich gute Bücher – oder auch nur eines – gelesen habe. Ein „schlechter“ dagegen, wenn die Lektüre mich enttäuscht hat. Daran messe ich meine Lesezeit – nicht an den schnöden Seitenzahlen.

    Bei mir ist es übrigens so: Manche Bücher lege ich weg und nehme direkt das nächste, weil das ausgelesene Buch – unabhängig von der Qualität der Lektüre – manchmal nicht so lange in mir nachhallt, dass eine neue Geschichte darunter leiden würde. Und mal bleibe ich ganze Tage ohne Buch, weil mich ein Buch so bewegt hat. Das kann auch ein „schlechtes“ Buch sein – also, so nach meinem Geschmack halt.

    Bücher sind so unterschiedlich wie wir Menschen – und ich messe mein Leben lieber an den Menschen, die mir etwas geben und mit denen ich „quality time“ verbinge, als an der Anzahl der Personen, denen ich in meinem Leben begegne.

    Ein toller Blogbeitrag!!!

    Liebe Grüße
    Sarah

    Gefällt 1 Person

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