Leihst du mir deinen Blick? (Valérie Zenatti)

Ich war eigentlich nur kurz in der Buchhandlung. Ich wollte schauen und erste Ideen für eventuelle Weihnachtsgeschenke einholen. Und dann traf mich dieses Buch. Ganz unauffällig stand es da zwischen den hoch angepriesenen Bestsellern in der Jugendbuchabteilung. Da das Buchkaufverbot aber im Hinterkopf klingelte, ließ ich das Buch stehen und ging wieder – um wenige Stunden später mit dem Buch an der Kasse zu stehen und ihm ein Zuhause zu geben.

Leihst du mir deinen Blick2
Foto: privat

Kurzinfos:

Titel: Leihst du mir deinen Blick? (Original: Une bouteille dans la mer de Gaza)

Autorin: Valérie Zenatti

Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (01.10.2008)

Seitenzahl: 192 Seiten

ISBN: 978-3-423-78223-4

Preis: 6,95€

Zum Inhalt:

Tal ist 17 Jahre alt, lebt im jüdischen Teil Jerusalems. In ihrem Stadtteil gehören Selbstmordanschläge zum Alltag. Als jedoch in direkter Nähe ihres Wohnhauses eine Bombe in einem Café explodiert ist Tal zutiefst erschüttert und ihre Welt verändert sich. Sie versteht den Hass zwischen Israel und Palästina nicht und wünscht sich den Frieden der beiden Staaten – wie ihre Familie. Sie weiß wie sinnlos ihr Vorhaben ist und doch schreibt sie all diese Gedanken in einem langen Brief nieder und gibt diesen verschlossen in einer Flasche ihrem Bruder mir, der im Gazastreifen als Soldat stationiert ist. Er soll die Flaschenpost dort ins Meer werfen.

Nach langem Warten erhält Tal schließlich eine Antwort auf ihren Brief per E-Mail; von einem jungen Mann namens Gazaman.

Meine Rezension:

Über zwei Jahre habe ich an der Uni biblisches Hebräisch gelernt und bin dieser Sprache verfallen. Ihre Schönheit, wenn sie auf dem Papier steht und ihre Schönheit, wenn sie gesprochen wird, haben mich in ihren Bann gezogen. Und die Schönheit der Sprache war es, die mich zu diesem Buch gebracht hat. Warum? Auf dem Cover sieht man sie. In Hebräisch steht dort vermutlich ein Teil der Flaschenpost. (Ich könnte euch jetzt versuchen zu erklären, dass der Text nicht vokalisiert ist, weswegen er für mich nicht einfach lesbar ist usw. Aber es kommt zweimal das Verb »werfen« darin vor.)

Es sind die Sprache und schließlich der Titel gewesen, die dafür gesorgt haben, dass ich dem Buch verfallen bin. Und das Thema. Durch die Flüchtlinge und den IS hört man zwar in den Nachrichten kaum noch etwas über Israel in den Nachrichten, aber die Probleme bestehen noch immer in diesem Teil der Welt. Zwar behandelt dieses Buch keineswegs politische Themen in vollem Umfang, sondern es geht im Vordergrund um Tal, ihr Leben in Jerusalem und die Flaschenpost, aber es werden diesen Themen angesprochen.

Es handelt sich bei »Leihst du mir deinen Blick?« um ein Jugendbuch, wer also eine vollständige Abhandlung der politischen Konflikte in Israel und den Gazastreifen lesen möchte, Finger weg. Aber mir hat dieses Buch so gefallen, weil dieser Konflikt nicht aus der Sicht der Politiker, Soldaten oder Nachrichtensprecher erzählt wird, sondern einem Mädchen – auch wenn es nur fiktiv ist – das in Israel ganz normal in die Schule geht, sich am Nachmittag mit Freunden trifft, Ausflüge unternimmt und eigentlich ein ganz normales Leben führt wie Mädchen in ihrem Alter es in großen Teilen der Welt auch tun. Diese Menschen werden leider bei den ganzen Berichten über Krieg und Attentate komplett vergessen.

Und auf der anderen Seite ist Gazaman. Ich möchte alle zukünftigen Leser dieses Buches bitten: Gebt Gazaman eine Chance euer Herz zu erobern mit seinen E-Mails. Auch wenn ihr seine Antwort auf die Flaschenpost hassen werdet. Gebt ihm eine Chance… ich habe sie ihm gegeben und nicht bereut. Denn in diesem Buch wird dem Leser, was in den Nachrichten auch gern vergessen wird, vor Augen geführt, dass im Gazastreifen nicht nur Terroristen leben. Welch Überraschung! (*ironie*) Dank der Nachrichten, die uns immer nur Angst machen wollen, wird den Menschen in Europa nur gezeigt, dass dort Terroristen leben. Nein, es wird vergessen, dass dort auch Kinder, junge Männer und Frauen leben, die gegen den Krieg sind, die sich ein besseres Leben in Frieden wünschen. Dort laufen nicht nur Menschen rum, die überlegen wann und wo sie sich am besten in die Luft sprengen können.

Entschuldigung, denn bisher war es nicht wirklich eine Rezension zum Buch, sondern eher, was das Buch auslöst. Dieses Buch, gerade wenn man es unter den Umständen liest, was wir tagtäglich in den Nachrichten zu hören und lesen bekommen, regt dieses Buch sehr zum Nachdenken an. Ich versuche mich jetzt noch an ein paar Worten, die wirklich nur das Buch und seine Geschichte betreffen.

Tal und Gazaman sind nämlich zwei wunderbare Charaktere. Tal ist ein junges Mädchen voller naiver Träume, die bei genauerem Hinschauen gar nicht so naiv wirken. Sie sind nur mit ser viel Kraft verbunden, wenn man sie wahr werden lassen möchte. Und Gazaman. Er ist wunderbar. Mit ihm rechnet man gar nicht, wenn man das Buch beginnt zu lesen. Mir ging es zumindest so. Er hat so viele Gesichter und doch nur eines… Er ist es, der das Buch trägt und so wunderbar ehrlich macht.

Fazit:

Ein Jugendbuch, das zum Nachdenken anregt, aktuelle Themen anspricht und doch sehr unterhaltsam ist. Tal und Gazaman – die beiden Hauptpersonen – schließt man nach den ersten Seiten schon direkt ins Herz und lacht und leidet mit ihnen.

5 Sterne-Braun-oH

Eure Jule

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Ein Gedanke zu “Leihst du mir deinen Blick? (Valérie Zenatti)

  1. Hallo Jules!
    Eine wundervolle Rezension hast du da geschrieben. Schön, dass du diese Situation so ehrlich anspricht, ich bin absolut deiner Meinung!
    Von dem Buch an sich hab ich noch nie etwas gehört, aber es klingt echt toll, vor allem nach deiner überaus positiven Bewertung werd ich´s mir sicher noch genauer anschauen… 🙂
    Ganz liebe Grüße
    Lena ❤

    Gefällt 1 Person

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