Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben (Matt Haig)

Als ich 2014 »Ich und die Menschen« von Matt Haig las, wusste ich, dass ich noch mehr Bücher von ihm in Zukunft lesen wollte. Ein Jahr später erschien dann das vielgelobte Buch »Reasons to stay alive« und ich kaufte mir dieses Buch sofort auf Englisch. Problem war und ist, dass ich zwar Englisch recht gut beherrsche, aber das Thema Depression so vielseitig und kompliziert ist, dass ich schon nach den ersten Seiten merkte, dass ich für dieses Buch sehr viel Zeit benötigen würde – und ein gutes Wörterbuch.

Und dann stolperte ich auf der Buchmesse in Leipzig schließlich über die deutsche Übersetzung, schlug zu und kann euch endlich meine Gedanken zu diesem Buch präsentieren. Ich möchte mich an dieser Stelle auch bei der anderen Besucherin der Leipziger Buchmesse entschuldigen; ich habe ihr nämlich das letzte Exemplar dieses Buches am Verlagsstand vor der Nase aus dem Regal gerissen. *upsi*

Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben-3
Foto: privat

Kurzinfos:

Titel: Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben (Original: Reasons to stay alive)

Autor: Matt Haig

Verlag: dtv (18.03.2016)

Seitenzahl: 303 Seiten

ISBN: 978-3-423-28071-6

Preis: 18,90€

Zum Inhalt:

Matt Haig bekam mit 24 Jahren seine erste Panikattacke und Phase der Depression. Bis heute begleitet die Krankheit sein Leben, nimmt mal mehr und mal weniger Platz in seinem Alltag ein. Doch mittlerweile hat er gelernt mit diesem »schwarzen Hund« zu leben und hat ein Buch darüber geschrieben.

»Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben« ist kein Sachbuch oder Ratgeber über Depression, sondern ein Bericht, wie jemand, der mit dieser Krankheit lebt, seine Außenwelt wahrnimmt und was ihm geholfen hat und vielleicht auch anderen Menschen helfen kann.

Meine Rezension:

Matt Haig sagt selbst, dass es dieses Buch eigentlich gar nicht geben sollte. Deutlich wird dies bereits auf den ersten Seiten des Buches, wo er erschlagend ehrlich wird. Darin beschreibt er seine erste Phase der Depression, wie er 20 Schritte von der Küste Ibizas entfernt steht und sich vornimmt 21 Schritte zu gehen. Und er berichtet, wie das Leben in Form einer kleinen Eidechse dazwischen kommt, ihn schwanken lässt und sein Vorhaben abbrechen lässt.

Geteilt ist das Buch in fünf große Abschnitte: »Fallen«, »Landen«, »Aufstehen«, »Leben« und »Sein«. In jedem Abschnitt geht Matt Haig auf sein Leben mit Depression ein. Er berichtet von seiner ersten richtig schlimmen Phase, von Momenten des Lichts, von Momenten absoluter Dunkelheit und er berichtet von seiner Frau, die ihm all die Jahre zur Seite stand und auch in den tiefsten Augenblicken Verständnis zeigte.

Besonders gut gefallen haben mir die kurzen Kapitel mit wissenschaftlichen Fakten zur Krankheit. Sie waren ein kurzer Rettungsanker beim Lesen, denn sie ermöglichten das Luftholen – eine emotionale Nullung der Gedanken – bevor man wieder auf eine emotionale Achterbahnfahrt mitgenommen wird.

Ebenfalls ein riesiger Pluspunkt für dieses Buch sind die »Ratschläge« für die Personen, die nicht an Depressionen erkrankt sind, sondern in ihrem Bekanntenkreis mit dieser Krankheit konfrontiert werden. Matt Haig erwähnt es mehrfach richtig, dass die Depression eine Krankheit ist, die man nicht sieht wie eine Grippe oder einen Knochenbruch. Daher wissen Nichtkranke oftmals nicht, wie sie mit Erkrankten umgehen sollen.

»So schlimm ist das doch gar nicht!« muss sich vielleicht manch ein Erkrankter anhören, wenn er sich nicht aus dem Haus traut um eine Runde um den Block zu laufen. Weil man die Panikattacke dahinter nicht sieht und es einem Erkrankten nicht leicht fällt ständig und immer darüber zu reden.

Doch Matt Haig hat in den vergangenen Jahren gelernt mit der Krankheit zu leben, die in manchen Momenten wieder in seinem Leben auftaucht. Er hat seine Gründe am Leben zu bleiben und auch auf Twitter hat er seine Fans unter dem Hashtag #reasonstostayalive aufgefordert ihm die eigenen Gründe am Leben zu bleiben zu schicken.

Hier sind zwei Beispiele dieser wunderbaren Tweets:

»#reasonstostayalive Ich war immer noch nicht in Island, wo meine Asche verstreut werden soll.« (@ameliasnelling / S. 247)

»Alles geht vorbei – auf Schmerz folgt Freude, Wärme schmilzt das Eis. #reasonstostayalive« (@DebWonda / S. 251)

Matt Haig gibt auch einige Gründe an und am meisten gefallen hat mir, neben seiner Liebe zu seiner Familie, folgender:

»[…] Also liebte ich Geschichten, weil sie mir Hoffnung gaben. Filme. Fernsehserien. Vor allem Bücher. Bücher allein waren der Grund genug, am Leben zu bleiben.« (S. 162)

Fazit:

»Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben« ist ein aufrüttelnder Roman über eine Krankheit, die in der heutigen stressigen Zeit oftmals als Phase abgetan wird. Matt Haig öffnet ein kompliziertes Thema für ein breites Publikum, nennt wichtige Fakten ohne zu wissenschaftlich zu werden und spricht dabei nicht nur Erkrankte, sondern auch deren Umfeld an.

5 Sterne-Braun-oH

Eure Jule

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4 Gedanken zu “Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben (Matt Haig)

  1. Liebe Jule,

    eine tolle Rezension – mit viel Gänsehautfaktor. An das Buch traue ich mich (noch) nicht heran aber Hut ab, dass Du es gewagt hast!

    Liebe Grüße
    Sarah

    PS: Das Gesicht der Dame auf der Buchmesse war echt sehenswert! Aber sie kann es ja noch woanders kaufen 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Sarah,
      vielen Dank. Du hast recht, man muss für das Buch bereit sein und kann es nicht einfach so zwischendurch lesen.
      Ich hab das Gesicht von der Dame nicht gesehen, da ich zu sehr auf das Buch fixiert war. 😀
      Liebe Grüße
      Jule

      Gefällt 1 Person

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