Das Leben wartet nicht (Marco Balzano)

Als ich bereits im Dezember dieses Buch in den Händen halten durfte, nahm ich mir vor, es nicht vor Februar zu lesen, so dass die Sperrfrist – der 22.02.2017 – nicht all zu weit entfernt sei. Denn Sperrfristen sind etwas Bittersüßes. Sie zeugen von großem Vertrauen des Verlags in den Blogger, sich an die gewünschte Frist zu halten. Gleichzeitig wird man als Leser auch ein wenig »gequält«, denn man kann mit noch niemandem über dieses wunderbare Leseabenteuer sprechen und es in die Welt hinausschreien.

Ihr, liebe Leser meines Blogs, werdet dieses Zeilen erst Ende Februar lesen, doch ich tippe sie gerade an einem sonnigen 23.01.

Ich danke an dieser Stelle auch dem Diogenes Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte.

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Foto: privat

Autor: Marco Balzano // Titel: Das Leben wartet nicht // Original Titel: L’ultimo arrivato // Verlag: Diogenes Verlag (22.02.2017) // 300 Seiten // ISBN: 978-3-257-86307-9 // Preis: 22,00€ (Hardcover) – Rezensionsexemplar

Inhalt:

Ninetto verlässt mit neun Jahren seine Heimat San Cono auf der süditalienischen Insel Sizilien. Er reist nach Mailand mit der Hoffnung der Armut seiner Heimat zu entkommen und einen gut bezahlten Job und damit ein besseres Leben zu erhalten. Mit nur neun Jahren muss Ninetto erwachsen werden und lernen, dass das Glück nicht auf der Straße liegt, sondern er auch darum kämpfen muss.

Über fünfzig Jahre später erkennt sich Ninetto in den Einwanderern aus China und Nordafrika wieder. Sie kämpfen ebenfalls um das Glück, versuchen sich in die neue Gesellschaft zu integrieren und ihr Leben neu aufzubauen.

Meine Meinung:

Nach der Lektüre möchte man Ninetto in den Arm nehmen. Man möchte ihm sagen, dass es nicht seine Schuld ist. Man möchte ihn aber gleichzeitig in den Arm nehmen, schütteln und anschreien, denn es ist seine Schuld.

Marco Balzano zeichnet das Leben Ninettos und zeigt, dass man als Migrant, ob im eigenen Land oder aus einem fremden Land stammend, immer Schwierigkeiten gegenübergestellt wird. So erzählt das Buch von Kinderemigration in Italien (1959-1962) und man selbst wünscht sich, dass all das niemals passiert wäre. In jener Zeit zogen Kinder aus dem armen Süden Italiens in die großen Städte, meist Mailand, im Norden und versprachen sich dort Arbeit und Wohlstand. Ninetto war neun Jahr alt, als ihm die Kindheit geraubt wurde und er lernen musste um sein Leben zu kämpfen.

Was machen die Kinder heute mit neun Jahren? Sie gehen zur Schule, dürfen ihre Hobbies ausleben, vielleicht ein Musikinstrument lernen oder sich im Sportverein austoben. Aber kaum ein Kind muss heute seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen und ist der grausamen Welt der Erwachsenen ausgeliefert. Ich gehe an dieser Stelle von der Kindheit in Deutschland aus. Mir ist durchaus bewusst, dass es weltweit immer noch Regionen gibt, in denen Kinder bereits für den Familienunterhalt mitarbeiten müssen oder gar auf der Flucht vor Krieg sind. Doch ich möchte gern vom Durchschnitt unserer Gesellschaft ausgehen und da ist es nun einmal so, dass ein Kind mit 9 Jahren noch wohlbehütet die Kindheit genießen kann.

Gleichzeitig gelingt es Marco Balzano seine Charaktere mit all ihren Stärken und Macken sehr realistisch zu zeichnen. So ist Ninetto nicht einfach nur ein Buchcharakter, sondern man hat beim Lesen das Gefühl ein alter Mann würde seine Lebensgeschichte mit allen Höhen und Tiefen zu erzählen. Dabei wird nichts geschönt, sondern die reine Wahrheit erzählt, so grausam und ungerecht sie manchmal auch sein mag.

Und dann sind da die ruhigen und friedlichen Momente, nach denen man sich sehnt. Die in der heutigen Zeit gar nicht mehr vorstellbar sind und doch das Leben und die ganze Welt des lieben Ninetto ausmachten und bestimmten.

„Das Gesetz, das bestimmt, wer ein armer Teufel ist und wer nicht, gilt ja für das gesamte Universum, nicht nur für die Menschen.“ (S. 278)

Was mich an diesem Buch jedoch erschreckte und einen aktuellen Bezug herstellte, war die Tatsache, dass wenig Bildung und eine harte Kindheit das Leben als Erwachsener erschwert. Während Ninetto sein Leben lang für eine Familie, einen gut bezahlten Job und sein Glück kämpft, scheint es den Menschen, die eine gute und behütete Kindheit hatten, alles sehr leicht zu fallen.

Wie schlage ich den Bogen zurück zum Buch?

Ich liebe diese leisen Bücher, die ihre Geschichte erzählen und gleichzeitig Themen ansprechen, die zum Nachdenken anregen. Themen, die durch den heutigen Überfluss an Nachrichten in Vergessenheit geraten und durch ein kleines Buch leise zurückkehren.

Fazit:

Auch nach der Lektüre erinnert man sich an bestimmte Abschnitte, unterdrückt Tränen, weil die Geschichte doch so aktuell ist. Marco Balzano hat ein stilles Buch mit sehr viel Kraft geschrieben. Gerade den Protagonisten Ninetto schließt man ab der ersten Seite ins Herz und begleitet ihn auf seinem Lebensweg.

5 Sterne-Blau

Eure Jule

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2 Gedanken zu “Das Leben wartet nicht (Marco Balzano)

  1. Erstmal ein Lob für deine Rezensionen, die gefallen mir jedes Mal so gut! Einfach richtig schön kurz und überzeugend, eben das wichtigste auf einen Blick, auch hier wieder.
    Die Story klingt auf jeden Fall sehr interessant und ich kann mir vorstellen, dass mich das Buch stark berühren bzw. zum Nachdenken bringen könnte. Ist dank dir direkt auf meine Wunschliste gewandert 🙂
    Liebe Grüße!
    Maike

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Jule,

    Du hast genau das in Worte gefasst, was ich beim Lesen gefühlt habe – Danke. Gerade das Reflektieren über die unterschiedliche Bedeutung des Wortes „Kindheit“ ist sehr schmerzhaft und doch schafft es das Buch, einen bei diesen Gedanken aufzufangen. Deine Rezension schafft das auch.

    Ganz liebe Grüße
    Sarah

    Gefällt mir

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