Museum der Erinnerung (Anna Stothard)

Autorin: Anna Stothard // Titel: Museum der Erinnerung // Original Titel: The Museum of Cathy // Verlag: Diogenes Verlag (26.04.2017) // 302 Seiten // ISBN: 978-3-257-30048-2 // Preis: 16,-€

Inhalt:

Cathy arbeitet als Konservatorin im Naturkundemuseum in Berlin und soll an diesem Abend einen Preis für ihre Arbeit erhalten. Tom, ihr Freund und Arbeitskollege, steht ihr an diesem Tag zur Seite, denn nicht nur die Hitze an jenem Sommertag zerrt an Cathys Kräften. Ein kleines Päckchen ohne Absender steht an jenem Morgen auf ihrem Schreibtisch und sie weiß sofort wer es ihr geschickt hatte. Die Vergangenheit hatte Cathy eingeholt.

Mein Eindruck:

Da ich seit drei Jahren selbst in einem Museum arbeite, zog mich schon beim Durchblättern der Verlagsvorschau der Buchtitel von Anna Stothard magisch an. Schnell hatte ich der Klappentext neugierig gemacht und bereits am Erscheinungstag zog das Buch bei mir ein.

Auf eine kraftvolle und gleichzeitig ruhige Geschichte wie in „Museum der Erinnerung“ war ich letztlich doch nicht vorbereitet. Auch war ich nicht auf das Geheimnis, dass Cathy hütet und ihre Vergangenheit bestimmte, nicht vorbereitet. Anna Stothard widmet sich in diesem Roman nämlich einer Thematik, der ich bisher noch nicht in einem Buch begegnet bin – häusliche Gewalt.

Um sich dieser Thematik zu nähern, möchte ich mit Cathy beginnen. Cathy ist ein ganz außergewöhnlicher und fast schon unnahbarer Charakter. Als Leser erfährt man einige Fakten über ihr Leben, aber sie bleibt ein Mysterium. Man erfährt, wo sie studierte, wer ihre Freunde waren und wie sie es schließlich an den Ort verschlug, an dem sie nun lebt und arbeitet – das Naturkundemuseum in Berlin. Trotz allem steht man am Ende der Lektüre noch immer einer Fremden gegenüber, denn auf mich wirkte die Erzählweise, trotz der Emotionen, fast immer nüchtern und distanziert.

Trotz der erzählenden Nüchternheit ist Cathys Leben dies keineswegs. Ganz im Gegenteil. Aufgrund ihrer schrecklichen Vergangenheit wurde wohl dieser Erzählstil gewählt. Denn Cathys Exfreund Daniel, der ihr zu Beginn das geheimnisvolle Päckchen schickte, war während der gemeinsamen Beziehung gewalttätig.

Jetzt keimen in letzter Zeit immer wieder Diskussionen auf, wie mit komplizierten Thematiken in der Literatur umgegangen wird. So möchte zunächst darauf hinweisen, dass ich glücklicherweise nie in solch einer Beziehung gesteckt habe und somit auch keineswegs nachempfinden kann, wie man sich als Frau in solch einer Situation fühlt. (Anm.: ich möchte hier nur auf die Gewalt von Männern an Frauen eingehen, da es in dieser Form in diesem Buch vorkommt. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass es auch Gewalt gegen Männer gibt und dies auch nicht unter den Teppich gekehrt werden sollte. Jedoch möchte ich mich beschränken, da wir alle wissen, wie schnell so ein Beitrag ausarten kann. Wenn es gewünscht ist, äußere ich mich gern in einem anderen Beitrag noch einmal zu dieser Thematik.)

Die Beziehung zwischen Cathy und ihrem Ex-Freund Daniel wird durch Rückblenden erzählt und wirkte trotz der erzählerischen Distanz gnadenlos. Gefallen hat mir, dass beide Seiten der Beziehung beleuchtet wurden. So hatte man auf der einen Seite Cathy, die sich der Brutalität der Beziehung bewusst war und ihr trotz allem nicht entkommen konnte und wollte. Als Leser erfährt man, dass sich Cathy in so mancher Situation selbst die Schuld an den Schlägen gibt und sie diese verdient hätte. Aus Berichten anderer Betroffener erfährt man oft, dass sie den gewalttätigen Partner ja lieben und nicht verlassen können, dass es ein einmaliger Ausrutscher war. Genauso ist Cathy ebenfalls. Man erhält immer wieder Einblicke in ihre Gedanken, in denen sie daran denkt, ob nicht alles besser geworden wäre, wenn sie Daniel nicht verlassen hätte.

Parallel lernt man auch Daniel kennen. Daniel ist zunächst sympathisch und letztlich ein Mann, mit dem es das Schicksal nicht gut meinte. Auch wenn dies niemals seine Taten entschuldigen sollte, ist es für mich persönlich interessant auch einen Einblick in die Gedankenwelt des Täters zu erhalten. Nach jedem Wutanfall kommt die Reue. Er versucht wieder gut zu machen, was er getan hat. Es werden Triggermomente beschrieben, die seine Wutanfälle auslösen.

Dieser Umstand machte für mich das Buch so besonders. Es beschreibt beide Seiten einer gewalttätigen Beziehung, zeigt eine starke Frau auf, die trotz ihrer Gefühle zu einem Mann aus dieser Beziehung ausbrach. Es zeigt auch den schwierigen Weg auf, den solch einen Entschluss nach sich zieht, denn als Leser weiß man immer, dass Cathy stets Gefühle für Daniel hatte, die nicht von Heute auf Morgen verschwinden konnten. Zumal sind diese beiden Menschen zusätzlich noch durch ein tragisches Ereignis miteinander auf ewig verbunden.

Im genauen Gegenteil steht Tom. Ich möchte etwas zu Tom sagen, dem Freund der Gegenwart Cathys. Obwohl er nur wenig Platz in diesem Roman bekommt, nimmt er einen riesigen Platz in der Geschichte ein. Er zeigt Cathy die Liebe, die sie verdient. Er liebt Cathy mit all ihren Macken und gibt ihr den Halt den sie braucht. Er fragt nicht nach, denn er weiß, dass er sich eine geheimnisvolle Freundin ausgesucht hat. Er akzeptiert sie genau so wie sie ist, gibt ihr den Raum, den sie benötigt.

Fazit:

Anna Stothard liefert mit „Museum der Erinnerung“ einen starken Roman über die Kraft der Vergangenheit, der man versucht davonzulaufen und der Liebe der Gegenwart, die den nötigen Halt geben kann um sich der Vergangenheit zu stellen.

Eure Jule

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5 Gedanken zu “Museum der Erinnerung (Anna Stothard)

  1. Das hört sich sehr vielversprechend an. Diesen Inhalt und das Thema häusliche Gewalt habe ich bei diesem Cover und dem Titel niemlas erwartet. Es muss sehr schwierig sein sich aus einer solchen Beziehung zu verabschieden. Meine Theorie ist, dass diese Männer sich auch einen bestimmten Typ Frau suchen. Kennst du Blauschmuck? Ein ebenfalls tolles Buch zu diesem Thema.
    Liebe Grüße
    Silvia #litnetzwerk

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  2. Der Roman klingt sehr interessant und da ich Bücher und Museen liebe, sollte es auf meine Wunschliste eingetragen werden. Ich liebe Bücher, in denen Museen eine Rolle spielen und da passt dieses ja sehr gut hinein 🙂

    Vielen Dank für deine ausführliche Vorstellung.

    Liebe Grüße,
    Sandra

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