Das dänische Mädchen (David Ebershoff)

Autor: David Ebershoff // Titel: Das dänische Mädchen // Original Titel: The Danish Girl // Verlag: Goldmann Verlag (21.12.2015) // 383 Seiten // ISBN: 978-3-442-47279-6 // Preis: 9,99€

Inhalt:

Einar und Greta Wegener führen in Kopenhagen 1925 ein bewegendes Künstlerleben und eine glückliche Ehe. Beide sind Maler und eines Tages ändert sich alles in Einars Leben. Es beginnt damit, dass Greta ihn bittet in Frauenkleidern für ihn Modell zu stehen. Für beide Personen ändert sich danach alles. Greta steht vor der Frage, ob sie noch eine gute Ehefrau sein kann. Hingegen muss sich Einar fragen, wer er wirklich ist und wie er von nun an leben möchte.

Meine Meinung:

Es tut mir für das Buch unendlich leid, dass ich es abgebrochen habe. Ja, ich konnte „Das dänische Mädchen“ nicht beenden. Ich konnte es einfach nicht, trotz seiner so wichtigen Botschaft und der wichtigen Thematik.

Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich den Film gesehen habe, bevor ich das Buch begann zu lesen. Denn den Film fand ich beeindruckend und seine Bildgewalt einfach grandios, die Umsetzung genial und Eddie Redmayne hat sich der Rolle einfach hingegeben.

Unterschiede zwischen Buch und Film sind mir aufgefallen. So war Greta, die Frau von Einar Wegener im Buch ganz anders als im Film. Im Buch wirkt sie sehr männlich, groß und hart. Im Film wird sie umbenannt in Gerda und wird von der zierlichen Alicia Vikander gespielt. Vielleicht hat mir der Umstand schon Probleme bereitet, denn Einar Wegener wird hingegen als klein und stämmig beschrieben und dann sah ich vor meinem inneren Auge immer den großen, schlaksigen Eddie Redmayne. Die Namensänderung von Greta und Gerda verwirrte mich ebenfalls sehr und Greta klang für mich auch nicht mehr richtig im Buch.

Da lag und liegt also mein Hauptproblem. Ich habe den großartigen Film zuerst gesehen, mit dem das Buch leider nicht mithalten konnte. Aber auch andere Momente haben mich an dem Buch gestört. Es war Einar/Lili. Sie wirken fast wie zwei Personen in diesem Buch. Es ist nicht Einar, der sich langsam in Lili verwandelt, weil er sich nach und nach eingesteht, dass er im falschen Körper geboren wurde und lieber eine Frau wäre. Nein, es wirkt auf mich fast so, als wäre Lili eine weitere Persönlichkeit, die immer an die Oberfläche kommt und den Körper einnimmt. Sie sind nicht eins, sondern zwei.

Ich habe keine Ahnung wie sich Menschen fühlen, die genau diesen Weg vor oder hinter sich haben, die irgendwann merken, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte, was sie für Gedankengänge durchleben. Vielleicht fühlen sie sich auch genauso: wie zwei Personen in einem Körper. Doch ich kann mir das nicht vorstellen. Ein paar wenige Dokumentationen habe ich gesehen, in denen Menschen davon berichteten, dass sie schon im Kindesalter merkten, dass sie irgendwie anders sind, dass sie sehr früh merkten, dass sie im falschen Körper geboren wurden. Da war aber nie die Rede von, dass sie sich wie zwei Personen gefühlt haben. Sie wollten einfach immer nur nicht mehr ein Junge sein, sondern ein Mädchen. Oder umgekehrt.

Obwohl mir das Buch so gar nicht gefallen hat und ich es noch vor der Hälfte abgebrochen habe, finde ich die Thematik unglaublich wichtig. Es zeigt zunächst einmal, dass dieses „geboren im falschen Körper“ keine Modeerscheinung der heutigen Zeit ist, wie man es dann doch gern mal hört. Nein, es gab schon immer Menschen, die sich so gefühlt haben, aber bis vor ein paar Jahrzehnten sich nicht an die Öffentlichkeit trauten, weil es von der Gesellschaft noch nicht akzeptiert wurde oder – schlimmer – rechtlich verboten war, anders zu sein.

Ich kann bei solchen Dingen immer nur den Kopf schütteln, wenn davon gesprochen wird, dass andere solche Menschen als „nicht lebenswert“ bezeichnen. Was haben mir denn diese Menschen getan? Nichts. Sie tun auch niemandem etwas. Sie fühlen sich eben nur falsch in ihrem Körper und das muss die Gesellschaft akzeptieren. Natürlich kann ich mir auch vorstellen, dass es gerade für die Eltern schwer sein muss. Da haben sie eine Tochter oder einen Sohn und plötzlich kommt das Kind und eröffnet einem, dass es sich aber nicht fühlt wie ein Junge oder ein Mädchen. Das man da als Elternteil vielleicht nicht sofort hochspringt und sich freut, sondern selbst Bedenkzeit braucht, sollte auch akzeptiert werden.

Aber in erster Linie sollte man Menschen, die „anders“ sind, akzeptieren. Denn so viel anders sind sie gar nicht. Sie lieben, hassen, lachen, weinen, schreien, arbeiten, lesen, lernen wie alle anderen auch. Sie gehören zur Gesellschaft, haben Freunde, streiten sich mit der Familie, versöhnen sich mit ihr, fahren in den Urlaub.

Und wenn ich das Buch abgebrochen habe, dann nicht wegen der Thematik, sondern weil mir der Schreibstil und die Entwicklung des Handlungsbogen nicht gefallen hat.

Fazit:

Einar Wegener, besser bekannt als Lili Elbe, war der erste Mensch, der sich einer Geschlechtsumwandlung unterzog und somit eine einzigartige Geschichte vorzuweisen hat. Leider kann das Buch nicht mit den unglaublichen Bildern der Verfilmung mithalten.

Eure Jule

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4 Gedanken zu “Das dänische Mädchen (David Ebershoff)

  1. Schade, dass dich das Buch nicht für sich gewinnen konnte. Bei mir war es genau umgekehrt: Ich hatte erst das Buch gelesen und hatte mich mit der echten Lili Elbe beschäftigt, war dann extrem berührt und aufgewühlt – und dann vom Film extrem enttäuscht (trotz Eddie Redmayne). Wie du ja gemerkt hast, ist Greta/Gerda in Film und Buch total anders dargestellt und ich fand die Filmversion einfach nur furchtbar und so unsympathisch, habe gehasst, wie sie mit Einar/ Lili umging (im Buch ist sie da doch weit einfühlsamer und verständnisvoller für Einars/Lilis Situation). Und auch „Lilis Erwachen“ ging mir im Film zu einfach, zeigte zu wenig die inneren Kämpfe und Verwirrung auf, die in Einar tobten.

    Was die zwei Persönlichkeiten betrifft – David Ebershoff hat ja u.a. Lilis Tagebücher/ Biografie als Grundlage genommen. Aber wie sie letztlich empfand, das erfährt wohl höchstens auch darin („Man Into Woman“)… Vielleicht ergibt sich ja mal für dich oder auch mich eine Gelegenheit, das Buch zu lesen.

    Das zeigt aber grundsätzlich wieder einmal, wie sehr Buch und Verfilmung voneinander abweichen können und wie sehr die Meinung davon abhängt, was man zuerst kennt. Vielleicht braucht es in solchen Fällen einfach mehr Abstand zwischen dem Erleben der unterschiedlichen Formen…?!

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  2. Huhu!
    Ich kenne das Buch leider nicht, aber den Film habe ich mittlerweile mehrfach gesehen und bin immer wieder begeistert. Dass das Buch danach dann nicht mehr so sehr zündet bei dir, ist natürlich sehr schade. Eigentlich würde ich es auch gern lesen, bin mir nun aber auch nich so sicher, ob ich die Personen dann von den filmischen unterscheiden kann und vor allem möchte.

    Aber tolle Rezension, trotz Abbruch!

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo Jule,

    danke für Deine Schilderungen zum Buch. Ich habe auch schon den Film gesehen und war nun eigentlich aufs Buch gespannt – habe es auch schon hier zu liegen. Da wird es mir wohl so ähnlich gehen, wie Dir…

    Finde Deine Beweggründe zum Abbruch nachvollziehbar und klasse, dass Du sie hier beschrieben hast.

    Liebe Grüße,
    Simone.

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