Das Genie (Klaus Cäsar Zehrer)

Autor: Klaus Cäsar Zehrer // Titel: Das Genie // Verlag: Diogenes Verlag (23.08.2017) // 651 Seiten // ISBN: 978-3-257-06998-3 // Preis: 25,00€ – Rezensionsexemplar

Inhalt:

Im Jahr 1910 wird in Boston an der Havard Universität ein elfjähriger Junger als „der Wunderjunge von Havard“ in der Presse gefeiert. Sein Name ist William James Sidis und das Ergebnis einer strengen Erziehung seines Vaters Boris Sidis. Getrieben von Ehrgeiz und hungrig nach der Welt des Wissens beginnt Boris direkt nach der Geburt mit einem speziellen Lernprogramm. Er nennt diese Lernmethode die Sidi-Methode und hofft, dass irgendwann alle Kinder so erzogen werden.

Doch was passiert mit einem Kind, das keine richtige Kindheit hat? Den Umgang mit anderen Kindern verweigert wird? Denn auch ein Wunderjunge wird irgendwann erwachsen. Da erst beginnt der eigentliche Kampf, denn William will nicht mehr der Wunderjunge sein, bricht mit seinen Eltern und lebt sein Leben nach seinen eigenen Vorstellungen – mit allen Konsequenzen.

Meine Meinung:

Mein Historikerherz schlug bei diesem Roman wie wild. Man spürt in jedem Wort, in jeder Zeile, die Recherchearbeiten von Klaus Cäsar Zehrer. Dafür möchte ich in erster Linie meinen Respekt aussprechen. William James Sidis ist eine Persönlichkeit, die nicht unbedingt in jedem Fachbuch der amerikanischen Geschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts auftaucht. Eigentlich taucht er nirgendwo auf. Mehrmals musste ich während der Lektüre an einen Satz meiner Geschichtslehrerin denken, den sie immer zu Beginn eines Schuljahres sagte: „Die Geschichte wird von den Gewinnern geschrieben!“ – war William James Sidis ein Gewinner? Weder vor noch nach der Lektüre von „Das Genie“ kann man die Frage zufriedenstellend beantworten. Aber man kann sagen, dass William Sidis eine unglaubliche Persönlichkeit war.

Klaus Cäsar Zehrer schreibt sehr ruhig und klar. Obwohl ich einen riesigen Respekt von Büchern mit mehr als 500 Seiten – hier bekommt man 650 Seiten geliefert – spürte ich die Menge der Seiten kaum. Oftmals passierte es sogar, dass ich mir 20-30 Seiten vornahm und plötzlich knapp 100 Seiten verschlungen hatte.

Doch der Fokus liegt nicht nur auf William Sidis, sondern sehr lang auch auf seinem Vater Boris Sidis, schließlich ist er derjenige, der die Erziehungsmethode entwickelte, die aus William Sidis das „Wunderkind“ machte.

Die Ansichten der beiden Männer – zunächst Boris und später William – sind aktueller denn je, obwohl beide zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebten. Der Dollar, stellvertretend für das Geld, ist ein „Krankheitserreger“ und „Freiheitsberauber“ – „die Diktatur des Dollars“. Blicken wir auf unsere Gesellschaft, wird deutlich, dass sich nichts geändert hat. Wer genügend Geld hat, kann das Leben mit bestimmen, ist frei und nicht eingeengt. Ihr glaubt das nicht? Ein Blick zum Bildungssystem macht es am einfachsten deutlich. – Nicht jeder kann sich ein Studium leisten, trotz Bafög. Nicht jeder kann sich ein Auslandsstudium, eine Weltreise usw. leisten. Aber genau diese Auslandserfahrung oder das Studium an einer bestimmten Universität wird verlangt für die wirklich gutbezahlten Jobs. (Weitere Diskussionen in den Kommentaren oder wenn gewünscht in einem gesonderten Beitrag!)

Viele Kontroversen werden in diesem Buch angesprochen. Es sind nicht nur die Ansichten zum Thema Bildung, die für jeden in jedem Alter zugänglich sein sollten oder wann man bei einem Kind mit intensiver Förderung beginnen sollte. Es geht um Politik, Rebellion und Krieg. Und es fällt schwer William Sidis und sein Leben in wenigen Worten zusammen zu fassen. Es ist schwer überhaupt Worte für eine einzigartige Person mit einem komplizierten Leben zu fassen und sie zu Papier zu bringen. Umso mehr muss ich meinen Respekt für diesen Roman aussprechen.

„Wenn Befehle erteilt werden, geht‘s immer um eine üble Sache. Gute Taten muss man nicht befehlen, die tut man aus Überzeugung.“ (S. 424)

Es sind diese einfachen Sätze und Zitate, die das ganze Buch, alle 650 Seiten durchziehen. Sie regen zum Nachdenken an und ich erwischte mich wie ich Seite und Seite in meinem Lesetagebuch füllte um diese Gedanken aus dem Kopf zu bekommen.

Doch es ist vor allem ein Buch zum Entdecken. Zum Entdecken der Geschichte Amerikas von 1890 bis in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Der Umgang mit Einwanderern, der Bedeutung von Bildung, der amerikanische Verhältnis zu Geld, Arbeit und dem Kapitalismus. Genau das hat mir so gut gefallen – der amerikanische Geist spiegelt sich in jeder Person, ob Einwanderer oder seit Generationen in der freien Welt lebend.

Gefangen nahm mich noch einmal die Danksagung von Klaus Cäsar Zehrer. Ich lege Danksagungen jedem an Herz. Sie gehören zum Roman mit dazu, denn sie sind eben nicht immer nur reine Danksagungen an Verlagsmitarbeiter oder Weggefährten, sondern auch oftmals an die Leser gerichtet und enthalten manchmal noch diesen kleinen Blick hinter die Kulissen. Und für alle Fans von Benedict Wells (na??? seid ihr getriggert wie ich?) lohnt sich die Lektüre bis zur letzten Seite auf jeden Fall.

Fazit:

„Das Genie“ ist nicht nur eine Biografie über den außergewöhnlichen William Sidis, sondern erzählt von Einwanderern in Amerika und behält somit seine Aktualität in jeder Seite. Es berichtet von der Wichtigkeit von Bildung und der Sinnlosigkeit von Gewalt und Krieg. Erzählt von Gewinnern und Verlierern und das Glück nichts Materielles ist.

Eure Jule

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4 Gedanken zu “Das Genie (Klaus Cäsar Zehrer)

  1. Ich habe mir das Buch gekauft und es direkt in 3 Tagen durchgelesen. Selten so gefesselt gewesen! Dass es sich um eine wahre Geschichte handelt, konnte ich anfangs gar nicht glauben, ein paar Recherchenarbeiten im Internet leerten mich jedoch eines Besseren.
    Ich finde es zu aller erst erwähnenswert, dass die Sidos-Erziehungsmethode bezogen auf Intellekt und Lernfähigkeit tatsächlich ein Erfolg auf ganzer Linie war. William war seiner Zeit weit voraus, was nur daran lag, dass er unfassbar viele komplexe Zusammenhängen zwischen verschiedensten wirtschaftlichen Disziplinen erkennen konnte. Leider ist kein Geheimnis, dass die meisten Charaktere, die ihrer Zeit voraus waren von ihren Zeitgenossen nicht verstanden wurden – Was wäre aus einem William Sidis in der heutigen Zeit geworden? Gibt es Anlass dazu die Erziehungsmethode erneut zu beleuchten und sich eventuell Dinge davon abzuschauen?
    Des weiteren gefällt mir das Fazit des Ganzen.. der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen, er sucht nach einem Sinn, welchen er meiner Meinung nach in der Liebe, in der Transzendenz, in der Kommunikation mit anderen Menschen, im Aufbau von ehrlichen emotionalen Verbindungen finden kann.
    William James hat zwar auf weltlicher Ebene einen riesigen Vorteil, er ist gebildet wie kein anderer und hat eine starke Fähigkeit Muster zu erkennen und diese zu neuen Mustern/Erkenntnissen zu verbinden. Auf emotionaler/spritueller Ebene kennt er sich nicht aus, verspürt zuweilen kaum Empathie, es fällt ihm schwer die Meinung und Sichtweise anderer Personen nachzuvollziehen – Ihm fehlt schlichtweg das Verständnis für Liebe, weil es (noch?) nicht möglich ist, dieses wissenschaftlich zu definieren. ein sehr interessantes und absolut aktuelles Thema!
    Auch Boris Sidis scheint mit seiner Kritik an Freud im Nachgang gar nicht so unrecht gehabt zu haben. Seine stark sexuelle Sichtweise auf die Psyche des Menschen ist allgemein bekannt. Sidis jedoch neigte zu Cholerie und Wutausbrüchen. Dadurch, dass man im Buch zuerst den Charakter des Vaters kennenlernt, später dann den des Sohnes, fällt es nicht schwer, auch hier Parallelen zu erkennen – der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm..
    Alles in allem ein sehr gutes und lesenswertes Buch, mit jede Menge Anregung zum Nachdenken, auch wenn die Geschichte schon gut 100 Jahre alt ist, bietet sie so viel Aktualität..
    Warum haben wir bis heute so wenig von Boris & William gehört? Meiner Meinung handelt es sich um Menschen, denen mehr Ruhm zusteht als sie ihn heute innehaben. Man könnte noch einiges von ihnen lernen..

    Gefällt 1 Person

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