Alles, was wir geben mussten (Kazuo Ishiguro)

Als im letzten Jahr Kazuo Ishiguro den Literaturnobelpreis erhielt, war das für mich wie ein Wink mit dem Zaunpfahl. Mehrfach wurde mir „Alles, was wir geben mussten“ ans Herz gelegt, zuletzt von Benedict Wells. Kurzerhand rief ich damals, vor einem Jahr, die Internetseite meiner Buchhandlung des Vertrauens auf und bestellte das Buch. Zwei Tage später bekam ich eine Mail, dass das Buch derzeit nicht lieferbar sei und im Nachdruck sei. Ich musste also warten. Dann hielt ich es doch irgendwann in den Händen. Doch ich las es nicht. Es lag wohl daran, dass Autoren und Bücher, die Preise gewinnen, so Hohe Erwartungen in mir wecken, dass ich befürchte, dass Buch könnte dieses am Ende nicht erfüllen.

(c) Juliane Dietrich

Autor: Kazuo Ishiguro // Titel: Alles, was wir geben mussten // Original Titel: Never Let Me Go // Verlag: Heyne (14.11.2016) // Übersetzerin: Barbara Schaden // 349 Seiten // ISBN: 978-3-453-42154-7 // Preis: 9,99€ // Buch kaufen*

Inhalt:

Kathy, Ruth und Tommy wachsen in einem Internat auf, das auf den ersten Blick wie eine ganz normale Schule wirkt. Es gibt einen Sportplatz, Lehrer, Klassenzimmer und die Schlafräume der Kinder, sogar die typischen Streitereien und Cliquen gibt es. Und doch ist etwas anders. Die Kinder spüren es selbst, dass sie eine besondere Aufgabe in ihrem Leben zu erfüllen haben und damit ihre Zukunft auf dem Spiel steht.

Meine Meinung:

Wo fange ich an?

Am besten mit meinem Tweet, den ich kurz bevor ich mit dieser Rezension begann, schrieb:

(c) Juliane Dietrich / Screenshot Twitter

Wer mir auf Instagram folgt, hat es vielleicht mitbekommen, dass ich mit diesem Buch immer wieder meine Probleme hatte. Das lag an der Handlung, besser gesagt, der Thematik, die Kazuo Ishiguro aufgreift. Sie erinnerte mich an den Film „Die Insel“. Zwar ist das Setting ein anders, aber behandelt letztlich doch die gleiche Thematik. Irgendwie spuckte mir dieser Gedanke während des Lesend die gesamte Zeit im Hinterkopf. Immerhin hatte Kazuo Ishiguro gerade den Nobelpreis bekommen, nicht nur für das Buch, sondern sein gesamtes Schaffen, aber ich hatte etwas besonderes, neues und innovatives erwartet. Aber… und das rief ich mir auch immer wieder in Erinnerung, gibt es viele Themen, die in unzähligen Büchern schon aufgegriffen wurden und mich nicht so sehr aufregten. Wie oft findet sich das Romeo und Julia Motiv in Büchern? Oder durchschnittliches Mädchen wird plötzlich zur Heldin?

Am Ende beeindruckte mich daher zwar nicht zu 100% die Handlung, aber es waren die Figuren, die mich bewegten. Die Charakterzeichnung von Kathy, Ruth und Tommy ist grandios. Als Leser verfolgt man sie von frühester Kindheit bis in Erwachsenenalter. Ich verfolgte also ihre Entwicklung, ihre Ängste, ihren Kummer, ihre Freude, alles durch die Augen von Kathy, die all das rückblickend erzählt.

Am Anfang ging es mir tatsächlich etwas auf die Nerven, dass Kathy ständig abschweifte in ihrer Erzählung. Sie setzte zu einem Ereignis an, wobei ihr wieder einfiel, dass sie, damit man folgendes Ereignis verstehen kann, müsse sie zuvor etwas anderes erzählen. Daher ist das Buch definitiv nicht geeignet um nur mal eben in einer kurzen Pause 10 Seiten zu lesen. Den Fehler habe ich gemacht, weswegen ich beim nächsten Mal dann nicht mehr genau wusste, was Kathy da gerade begonnen hatte zu erzählen. Allerdings versteht man Kathy am Ende des Buches genau. Ich verstand, warum sie alles bis ins kleinste Detail erzählte, sich erinnerte und festhalten wollte. Sie wollte einfach nichts vergessen.

Und obwohl das Buch am Ende genau richtig endet und nach der letzten Seite die Melancholie noch lange nachschwingt, blieben für mich viele Fragen unbeantwortet. Ich wünschte mir mehr, mehr Antworten, mehr Hintergrundinformationen. Und vielleicht wären sie noch gekommen, wenn Kazuo Ishiguro sich für einen allwissenden Erzähler entschieden hätte. Aber weil er sich für Kathy entschied, bleibt der Leser am Ende auf dem Wissensstand von Kathy und das muss genügen. Allein das zu akzeptieren, fällt mir nicht leicht.

Das Buch erinnerte mich, als ich es mal wieder frustriert zur Seite warf, an einen Satz. (Ich verbinde mit dem Buch eine gewisse Hassliebe. Ich kann es nicht bedingungslos empfehlen, obwohl es gut ist.)

„Das Buch braucht keine besondere Handlung. Die Handlung ist doch egal, denn die Sätze waren so grandios.“

Als ich diesen Satz in ähnlicher Form das erste Mal 2015 oder 2016 von einer Germanistik-Professorin meiner Uni hörte, schüttelte ich den Kopf. Ich konnte ihr nicht beistehen und es nicht verstehen. Für mich gehört zu einem Buch nicht nur ein guter Schreibstil, sondern auch eine gute Handlung, die mich packt und durch das Buch trägt. Mit der Handlung hatte ich bei „Alles, was wir geben mussten“ wirklich mehr als einmal meine Probleme. Doch die Sätze, der ganze Schreibstil bewegten mich. Die Charakterentwicklung bewegte mich. Daher konnte ich das Buch auch nicht einfach abbrechen und für immer ins Regal zurückstellen.

Auch suchte ich nach einem Grund, warum mir Benedicht Wells dieses Buch empfahl. Es musste doch irgendeinen Grund geben. Und ich glaube, dass er im Schreibstil liegt und in der Zeichnung der Figuren, die so filigran und verletzlich sind.

Fazit:

Ich kann verstehen, warum Kazuo Ishiguro ein bedeutender Autor unserer Zeit ist, auch wenn ich am Ende speziell mit der Handlung dieses Buches nicht warm geworden bin. Mich bewegten jedoch die Figuren, jede einzelne und der Schreibstil fesselte mich an die Seiten. Jeder Satz macht Spaß und zeigt auf, dass da ein Meister am Werk ist.

Eure Jule

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3 Gedanken zu “Alles, was wir geben mussten (Kazuo Ishiguro)

  1. Hallo Jule, eine tolle Rezension, die dir wirklich gut gelungen ist, obwohl es dir wohl schwergefallen ist, dieses Buch zu bewerten. Ich habe auch immer grosse Erwartungen an solche Bücher und bin dann sehr enttäuscht, wenn es bei mir nicht so ankommt wie bei der grossen Masse :D ich finde es aber toll von dir, hast du es gelesen!

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Jule,

    schade, dass dich das Buch nicht für sich gewinnen konnte. Ich habe das Buch zwar selbst noch nicht gelesen, verstehe aber genau, was du meinst: Mir ging es mit der Verfilmung des Buches nämlich ähnlich. Einerseits ließ mich der Film unbefriedigt zurück, weil ich das Gefühl hatte, dass zu viel ungesagt blieb bzw. ich mich manches Mal nach der Intention der Story fragte, andererseits fand ich den Film aus cineastischer Sicht gelungen und konnte die Geschichte und ihre Verfilmung nie vergessen, sie hallte lange in mir nach und regte mich zum Nachdenken an. So gesehen haben Ishiguro und das Filmteam wohl etwas richtig gemacht. Ich hatte nur gehofft, dass das Buch die Defizite des Films vermeidet und so manches klarer geschildert wird. Dem scheint aber wohl nicht so zu sein. :(

    „Die Insel“ kannte ich bis eben nicht und werde mal schauen, ob ich an den Film irgendwie rankomme.

    Liebe Grüße
    Kathrin

    Gefällt 1 Person

  3. Liebe Jule,
    eine tolle Rezension, die meinen Eindrücken vom Buch (und Film!) direkt widerspiegeln. Ich hatte auch große Probleme mit „Alles was wir geben mussten“ und dennoch ließ die Geschichte mich einfach nicht los.
    Man fängt an das Geschriebene zu hinterfragen, auf das eigene Leben zu beziehen und verspürt ein unglaublich großes Mitleid mit den Figuren. Ich fand es einfach nur zutiefst tragisch…
    Liebe Grüße,
    Janika

    Gefällt 1 Person

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