Zwei Bücher über Angst und das Meistern des Alltags

(c) Juliane Dietrich

Höher, schneller, weiter. Das ist das Motto der heutigen Zeit. Als Schüler müssen wir in jedem Fach die besten Noten mit nach Hause bringen, einen großen Freundeskreis besitzen, beliebt sein und man darf keineswegs als Streber dastehen. Aber klug soll man trotzdem sein und lernen. Neben der Schule am besten noch ein Musikinstrument lernen, in einem Sportverein sein und alles möglichst nicht zu Mainstream.

Und so zieht es sich durch das Leben weiter. Im Studium wollen wir auf allen Partys tanzen, trotzdem etwas lernen. Jetzt soll man am besten noch zusätzliche Kurse besuchen, Sprachen lernen, Praktikas absolvieren und auf große Weltreise muss man auch gehen, weil es sich mit Anfang 20 irgendwie gehört die Welt zu bereisen. Ach, und den Nebenjob, der uns bis in die Nacht wach hält und unser Leben finanziert, darf auch nicht vergessen werden.

Und jetzt? Wann halten wir an? Wann reflektieren wir? Wann nehmen wir uns Zeit darüber nachzudenken, was für UNS gut ist und nicht für die anderen?

Schaue ich mich bei lieben Bloggerkollegen um oder höre mich sogar im Bekanntenkreis um, dann höre ich immer wieder von Ängsten, Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen. Es betrifft oft die jungen Menschen, die nach außen mitten im Leben zu stehen scheinen, einen guten Job haben oder gute Noten mit nach Hause bringen.

Aber wir selbst bleiben auf der Strecke und daran ist die Gesellschaft oder vielmehr, die Erwartungen der Gesellschaft und die eigenen daran schuld. Die Psyche leidet darunter. Selbstverständlich geht jeder damit anders um, aber sind wir doch einmal ehrlich: die Erwartungen an uns selbst und der Gesellschaft an uns steigt von Jahr zu Jahr und die Bezahlung wird trotzdem nicht besser. Unsere Zeit, in der wir leben, macht uns kaputt. Unsere Köpfe kommen kaum noch zur Ruhe. Meist verlangt der Job von uns viel Kopfarbeit, wir wollen und müssen stets informiert sein. Nachrichten von allen Seiten. Wann haben wir das letzte mal alles stehen und liegen gelassen, die Nachrichten ausgemacht und unseren Kopf frei gespült? Unserem Kopf fehlen die Ruhezeiten und die überwiegend negativen Nachrichten im TV, Zeitung etc. machen es nicht besser.

Was wir dagegen tun können? Entweder überall den Stecker ziehen, in eine einsame Berghütte ziehen und glücklich werden. Funktioniert in den meisten Fällen nicht so gut, obwohl es wunderbar klingt. Etwas einfacher ist es, zu reflektieren oder Verständnis aufbauen. Verständnis, dass nicht jeder gesund ist, auch wenn es nach außen so wirkt. Verständnis kann man lernen und genau deswegen haben ich euch zwei Bücher in diesem Beitrag mitgebracht, die ich näher vorstelle und am Ende noch einen Autor, der sich in jedem seiner Bücher mit (seiner) psychischen Erkrankung auseinandersetzt.

(c) Juliane Dietrich

Und jetzt kommt der ehrliche Teil, der mir Angst macht.

Sich einzugestehen, dass man sich selbst übernommen hat, ist schwer, aber auch der erste Schritt zur Besserung. Es geht nicht von heute auf morgen. Alles passiert in kleinen Schritten und es gibt auch Rückschläge. Ich nehme mir beispielsweise vor, mich nicht mehr so viel über die Arbeit aufzuregen. Es gibt Tage, da funktioniert das wunderbar. Und dann kommt ein Tag, da meckere ich die ganze Zeit. Was dagegen hilft? Mir hilft das Klettern oder Bouldern oder bei schönem Wetter einfach raus in die Natur, die Füße ins Wasser und ein gutes Buch dabei. Ist Sport und Natur gerade nicht greifbar, weil die Zeit nicht da ist, hilft mir Melissentee (ein Tipp meiner Ärztin, weil sie nicht immer gleich mit der Chemiekeule auf mich losgehen möchte), Meditationsmusik und Bücher mit leichter Handlung fernab jeder Realität.

Bücher, die verstehen helfen.

Stressbedingte Erschöpfung, dauerhafte Müdigkeit, Depressionen, Angstzustände, Burnout – alles psychische Erkrankungen, die je nach Ausprägung gefährlich sein können und trotzdem nicht immer vom Umfeld akzeptiert werden. Es geht nicht um das Verstehen, sondern das Akzeptieren. Wenn ihr eine Person mit ihrer Erkrankung nicht versteht, weil ihr der Meinung seid, dass das Leben der anderen Person doch perfekt ist, dann ist das eine Meinung, die man sich bilden kann, aber sagt das der Person nicht. Sagt niemals „Du muss dich einfach mal ausschlafen!“ oder ähnliche Klassiker, die da immer kommen. Akzeptiert jedoch die Probleme, mit denen Personen zu euch kommen.

Auch ich lerne in diesem Punkt jeden Tag dazu und war/bin nicht immer perfekt in dieser Hinsicht.

Jetzt aber zu den Büchern, die sich mit nicht sichtbaren Krankheiten beschäftigen, sie einem breiten Publikum näher bringen. Dadurch kann man lernen zu verstehen, was mit uns Menschen so alles im Kopf passieren kann.

(c) Juliane Dietrich

Schlaft gut ihre fiesen Gedanken (John Green)

Über die Handlung dieses Romans wurde sich genug im Netz auseinander gesetzt. Ich habe das Gefühl, dass sie die Meinungen spaltet. An manchen Stellen fand ich sie nicht sonderlich gut gelungen und etwas an den Haaren herbeigezogen. Aber wichtig fand ich Aza und ihre Angststörung. Viel zu oft nimmt die Angst das komplette Denken Azas ein und jede Möglichkeit der Rationalität geht verloren, weil diese Krankheit niemals rationales Denken zulässt.

Des weiteren wird nicht nur die Perspektive des Erkrankten gezeigt, sondern auch das Umfeld. Oftmals wird vergessen, dass das Umfeld, vor allem die Freunde, auch ein Päckchen zu tragen hat. Egal wie viel Akzeptanz Freunde entgegenbringen, irgendwann ist auch deren Kraft nicht mehr da. Unfaire Dinge brechen dann auch ihnen heraus, die nicht böse gemeint sind, aber zeigen, dass die Kraft irgendwann auch nicht mehr ausreicht.

Rattatatam, mein Herz – Vom Leben mit der Angst (Franziska Seyboldt)

Anfang des Jahres schlug das Buch von Franziska Seyboldt hohe Wellen in der Bücherszene. Zumindest begegnet mir es gefühlt auf jedem Social Media Account, Blogs und auch hier und da in verschiedenen Besprechungen. Erst nahm ich Abstand von dem Buch, weil es zu präsent war. Aber die Neugier siegte am Ende und ich erhielt es auf der LBC in Köln als Rezensionsexemplar vom Verlag. (Danke!)

Zum Buch: Es war grandios! Die Angst wird darin personifiziert und zum ständigen Wegbegleiter Franziskas. Allein die Tatsache, dass die Angst als „Person“ auftritt, macht sie für den Leser greifbar und verständlicher. Nichts ist für uns schlimmer zu verstehen, als Dinge, die man nicht sehen kann. Zudem wird die Angst in alltäglichen Situationen beschrieben nicht nicht in Extremsituationen, wie man es vielleicht aus anderen Büchern oder alten Dokus kennt. Auch die Eigenanalyse Franziskas mochte ich. Sie kennt die Zeit den eigenen Druck, die Gesellschaft und bindet all das in die Angst mit ein.

Für mich ein besonders wertvolles Buch. Es zeigt nicht nur die Angst, sondern auch unsere (kaputte) Gesellschaft.

Matt Haig

Richtig. Geht es um mentale Erkrankungen und vor allem gesondert um Depressionen, dann ist Matt Haig für mich der wichtigste Autor. In all seinen Büchern spürt man die Anwesenheit dieser Krankheit, auch wenn die nicht thematisiert wird.

Eure Jule

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