Liebe ist die beste Therapie (?) (John Jay Osborn)

Heute wird es etwas persönlich. Und eigentlich könnte ich das bei jedem Buch aus dem Diogenes Verlag schreiben, denn diese Bücher und deren Autoren greifen Themen auf, die mich als Leserin in den meisten Fällen zutiefst berühren und Dinge vor Augen halten, bei denen ich immer dachte, sie irgendwo ganz tief in meinen Gedanken vergraben zu haben.

(c) Juliane Dietrich

Autor: John Jay Osborn // Titel: Liebe ist die beste Therapie // Original Titel: Listen to the Marriage // Verlag: Diogenes Verlag (24.10.2018) // Übersetzerin: Jenny Merling // 288 Seiten // ISBN: 978-3-257-07043-9 // Preis: 22,00€ // Rezensionsexemplar

Meine Eltern ließen sich scheiden, nachdem meine jüngere Schwester ihr Abi bestanden hatte und zum Studieren in eine andere Stadt zog. Getrennt hatten sich meine Eltern aber eigentlich schon viele Jahre zuvor. Oft stellte ich mir in diesen Jahren die Frage, ob man diese Ehe irgendwie retten könnte und auch Jahre später frage ich mich (mittlerweile jedoch ganz selten) das noch.

Steve und Charlotte stehen auch vor den Trümmern ihrer Ehe, doch sie wollen (noch) nicht aufgeben und sich stattdessen Hilfe suchen. So landen sie bei Sandy, der etwas außergewöhnlichen Therapeutin. Als Leserin lernt man auch nur diesen Raum kennen. Sandy, Charlotte, Steve und vier Stühle. Der vierte Stuhl ist in jeder Therapie-Stunde leer und steht für die Ehe.

Allein dieses Konzept der Romanaufmachung machte mich neugierig und zeigte mir, wie minimalistisch auch ein Schauplatz im Roman sein kann. Nicht immer sind große ausladende Beschreibungen der Umgebung notwendig, denn sie hätten in diesem Roman das wichtigste überdeckt: die Gespräche und Gefühle.

Startpunkt der Ehekrise ist der Seitensprung von Ehemann Steve, weswegen Charlottes Vertrauen zerstört wurde. Zu Beginn geht es hauptsächlich darum das getrennten Leben inklusive neuer Wohnungen klar abzugrenzen und Absprachen über die Kinder zu treffen. Ich finde es von Eltern, die sich trennen vernünftig abseits der Kinder eine Lösung zu finden und sich nicht vor ihnen zu streiten. Sowieso sollten Menschen ihre Kinder niemals zum Streitobjekt machen und sich wenigstens in diesem Punkt irgendwie zusammenraffen, auch wenn alles darum herum in Trümmern liegt.

Mit der Zeit geht es darum die Gefühle der beiden Ehepartner zu erforschen. Als Leser lernt man neue Partner kennen oder auch einfach nur Bekanntschaften, die gepflegt werden, weil der Partner nicht mehr da ist.

Und ab diesem Zeitpunkt wurde mir Charlotte immer unsympathischer. Man spürte, dass sie die Ehe nicht aufgeben will, aber je mehr aus Steve sich dafür einsetzte, desto mehr meckerte Charlotte an ihm herum. Sowieso konnte Charlotte nur meckern. Erst hielt sie Steve vor, dass er sich nicht am Haushalt beteiligte, nicht kochen könnte und deswegen auch nicht für die Kindern sorgen könnte. Was macht also Steve? Er nimmt die Kritik an und besucht einen Kochkurs. Statt sich aber darüber zu freuen, packt Charlotte die Eifersuchtskeule aus, weil Steve bei einer Frau kochen lernt. Dieser rote Faden zieht sich fast durch das gesamte Buch, so dass ich Charlotte einfach nicht verstehen konnte. Noch mehr verwunderte mich, dass Therapeutin Sandy die Gefühle von Charlotte perfekt verstand und ebenso Steve seine Fehler immer und immer wieder vorhielt. Warum? Warum sind viele Frauen so verquer im Kopf? Ja, ich bin manchmal auch so, aber… es machte mich irre. An manchen Punkten hatte ich das Gefühl, dass Steve machen konnte, was er wollte, Charlotte wird trotzdem irgendetwas finden, was er falsch gemacht hatte.

Obwohl mich Charlotte so nervte, liebte ich trotzdem die Gespräche. Sandy gab ihnen einen Schubs, lenkte sie in andere Richtungen, wenn sie in Sackgassen gerieten und manchmal genoss ich auch das Schweigen.

Wird die Ehe am Ende gerettet? Das verrate ich nicht.

Aber einen Blick zurück zu meinen Eltern kann ich geben: ihre Ehe hätte man nicht retten können. Da waren Dinge kaputt gegangen, die keine Therapie hätte retten können, kein Gespräch hätte da geholfen. Manchmal ist das leider so und man muss lernen damit zu leben. Es ist kein Weltuntergang. Der Weltuntergang ist jedoch, der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen zu können und eine Lüge zu leben. Auch für die Umstehenden ist es einfacher, wenn zur richtigen Zeit ein Strich unter allem gezogen wird.

Fazit:

Ein Buch für Liebende, Einsame, Geschiedene und jeden, der an der Liebe interessiert ist. Ein interessantes Buch, das zeigt, dass man nicht immer den großen Raum für einen Roman benötigt.

Eure Jule

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