Noch immer ein Spinner von Benedict Wells

Ich weiß gar nicht, ob ich jemals ein vom Autor überarbeitetes Buch gelesen habe. Ob es so etwas überhaupt schon einmal gab. Normalerweise wird ein Buch geschrieben, irgendwann veröffentlicht und wenn man den Autor Jahre später fragt, ob er etwas ändern würde, dann kommen da vielleicht 2-3 Sachen, aber geändert hat es dann doch irgendwie niemand. Und dann kommt Benedict Wells, überarbeitet sein Buch und der Diogenes Verlag schenkt ihm das Vertrauen und veröffentlicht die neue Version.

(c) Juliane Dietrich

Autor: Benedict Wells // Titel: Spinner – New Edition // Verlag: Diogenes Verlag (01.09.2016) // 320 Seiten // ISBN: 978-3-257-24384-0 // Preis: 12,00€

Fangen wir mit meiner Rezension zur ersten Version an, die ihr HIER gern noch einmal ausführlich nachlesen könnt. Geschrieben habe ich sie vor 2 ½ Jahren. In dieser Zeit hat sich in meinem Leben viel geändert. Und auch die erste Version von „Spinner“ ist bereits 9 (!) Jahre alt.

Gerade in der Zeit von Anfang 20 bis zu Ende 20 verändert sich so viel. Wir entwickeln uns noch einmal so rasant wir in unserer Teenager-Zeit. Was wir mit Anfang 20 cool fanden, geht uns womöglich mit Mitte/Ende 20 schon richtig auf die Nerven.

Wie hat sich also „Spinner“ verändert?

Ich hatte das Gefühl, dass Distanz aufgebaut wird, im positiven Sinne. Als Leser begleitet man den jungen Jesper, der nach seinem Abitur von München nach Berlin gezogen ist um Schriftsteller zu werden. Eine Woche begleitet man ihn und sein mehr oder weniger dunkles depressives Leben. Während man in der ersten Version des Buches als Leser ebenfalls in diese traurige Gefühlswelt hinuntergezogen wurde, hatte ich bei der zweiten Version das Gefühl, dass man als Leser nicht mehr mit hinuntergezogen wird in die Düsternis und Traurigkeit des Lebens. Dabei verliert die Geschichte keineswegs an Emotionalität. Ganz im Gegenteil, man möchte Jesper auf jeder zweiten Seite noch immer in den Arm nehmen oder eine runter hauen. Die Emotionen sind also nach wie vor da, aber es wird ein Schutzschild für den Leser geschaffen.

Obwohl der erste „Spinner“ schon – in meinen Augen – fantastisch geschrieben war, beweist Benedict Wells was für eine einzigartige Entwicklung er als Schriftsteller durchlebt. Seine Sätze sind immer treffend, immer perfekt, obwohl er keinen Perfektionismus anstrebt.

So bringt er auch Jespers Gefühlswelt für mich mit einem einzigen Satz perfekt auf den Punkt:

„Ich hatte den Tod ohnehin nicht verdient, ich konnte ihn doch gar nicht bezahlen, denn er kostete das Leben, und davon hatte ich noch viel zu wenig.“ (Spinner – New Edition, S. 128)

Jetzt ist meine erste Begegnung mit „Spinner“ 2 ½ Jahre her, in meinem Leben hat sich einiges geändert und ich lernte nicht nur die zweite Version des Buches kennen, sondern ich las es auch mit ganz anderen Augen. Aber noch immer verstehe ich Jesper, der auf der Suche nach seiner Zukunft ist, sich fragt, ob das, was er tut das Richtige ist. Auch ich stelle mir immer wieder diese Frage und kann sie am Ende nur so beantworten, dass, solange man gute Freunde, Mut und sich selbst hat, jeder Weg der Richtige ist.

Fazit:

In der überarbeiteten Version von „Spinner“ zeigt Benedict Wells, wie sich ein Schriftsteller über die Jahre entwickeln kann und dabei doch die Seele seiner Geschichten und Figuren erhalten lassen kann. Noch immer ein wunderbares Buch über die Suche nach sich selbst und einer ungewöhnlichen Woche in den Straßen Berlin.

Eure Jule

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